Nachts laufen – die dunkle Seite des Rennens

Nachts laufen heißt, sich auch mal über ein einsames Polizeischild freuen
Unterwegs zur blauen Stunde

Es gibt Arbeit. Es gibt Familie. Muss ich deshalb wirklich nachts laufen?

Heute war es mal wieder so weit. Eine Kollegin erkundigte sich nach meinem Plan, nach der Strategie, nach der Agenda, nach deren Vorgaben ich laufe. Offensichtlich würde ich das mit dem Sport durchziehen, man sähe mir das an. Und wir wissen ja alle: Ohne akkuraten Plan, tjaaahhaa, ohne Plan, da geht schon mal gar nichts!

Also, jetzt rück sie schon raus, die Agenda, nach der du auf die Piste gehst und mit deren Hilfe du es schaffst, den stressigen Job, die Familie und die wenigen Musestunden mit dem Laufen zu verbinden, ohne dass dabei am Ende noch mehr Stress heraus kommt!

Agendafrei in die Nacht

Aber ich musste die liebe Kollegin enttäuschen. Es gibt ihn nicht, diesen Plan. Die Agenda ist – ziemlich übersichtlich! Und so wird es vielen da Draußen gehen, die täglich versuchen, ihrer Leidenschaft für das Laufen nachzugeben, ohne dabei andere Dinge zu sehr zu vernachlässigen. Wir „Ich-lauf-jetzt-mal-los“-Renner tun’s einfach, nachdem sorgsam abgewogen wurde, ob’s jetzt eben gerade passt oder nicht.

Meist, und jetzt komm ich mal zum Punkt, wenn nicht gerade Hochsommer ist, und die Tage so herrlich lang sind, mündet der Lauf nach Abwägung aller etwaigen Enttäuschungen und Vernachlässigungen Anderer, in einen Nachtlauf. Bäh! Ich mag sie nicht besonders, diese Läufe im Dunkeln. Nein. Ich verabscheue sie regelrecht. Es gibt, bis auf ein paar regelmäßige Scheinwerferpaare, einsam vor sich hin wechselnde Ampeln, öde vor sich strahlenden Straßenlaternen und dem ein oder anderen Gassigeher einfach zu wenig zu entdecken bei solch einem Einsatz im Dunkeln. Und weil’s noch nicht fad genug ist, passiert man auf der Strecke noch ein paar Restaurants und Bars, in denen Paare genüsslich ein Glas Wein miteinander schlürfen mich noch einmal eindrücklich daran erinnern, dass ich Sport-Egoist gerade meine Familie vernachlässige.

Nachts laufen – weil’s Wurscht ist!

Und doch, trotz all der echt miesen Voraussetzungen, machen diese nächtlichen Touren einen Großteil meiner Lauferfahrung aus. Weil’s einfach nicht anders geht! Weil es trotzdem Spaß macht! So! Selbst wenn es nachts in der Tat grundsätzlich recht wenig zu sehen gibt, die Gefahren, von einem Auto übersehen zu werden ungleich größer sind, als am Tag – nachts laufen ist trotzdem cool, weil…

… man einen oder mehrere Laufpartner mitnehmen kann. Gute Gespräche während des Rennens ersetzen jede noch so schöne visuelle Erfahrung, zumindest empfinde ich das so

… man mit diesen Laufgenossen nach erfolgreicher Tour genüsslich noch etwas trinken kann. Denn: Das haben wir uns verdient!

… man sich einer Laufgruppe anschließen kann. Vor allem für die Mädels zu empfehlen, weil es einfach sicherer ist. Der Lauftreff-Finder der Runner’s World könnte helfen. Oder die – zugegeben etwas nach Pionierzeit des Internets müffelnde – Lauftreff-Übersicht von Lauftreff.de. Oder das Angebot von joggen-online. Ihr wisst in etwa, was ich meine…

… auch alleine nachts laufen schon deswegen okay ist, weil Laufen einfach Spaß macht und allemal besser ist, als nicht zu laufen. Beleuchtete Strecke durch den Heimatort raussuchen (auch wenn das bedeutet, die einzige Straßenlaterne des Heimatorts in der Endlosschleife zum Umrunden), Lieblingsmucke auf die Ohren und ab auf die Piste!

… man das natürlich auch auf’s Laufband verlegen kann. Finde ich persönlich zwar langweilig und kostet nur Geld, aber erfüllt seinen Zweck.

Denn was schlussendlich zählt, ist das herrliche Gefühl danach, dieser kleine Triumph, sich doch aufgerafft, der Couch getrotzt, alles unter einen Hut bekommen, niemanden enttäuscht oder vernachlässigt und was für sich selbst getan zu haben. Gegen jeden Widerstand. Ohne jeden Plan!

Natürlich gibt es auch eine Alternative: Früh morgens! Aber das ist eine andere Geschichte, und die soll ein anderes Mal erzählt werden!

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